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    Willkommen bei Kaktus
    Montag, 18. Dezember 2017 @ 02:20

    Alternative Wege zur Schaffung neuen leistbaren Wohnraums

    Kaktusgespräch mit Architektin Claudia Schumm

    Wohnen ist ein Grundrecht und Grundbedürfnis. Es ist wichtig, neuen und leistbaren Wohnraum zu schaffen. Dennoch gibt es gerade in der Donaustadt zahlreiche umstrittene Projekte, wie z.B. die geplanten Bauten in der Dittelgasse. (Siehe Kaktusberichte vom 2.Juni und 25.August)

    Während der mitten im Lobauvorland geplante Wohnkomplex (450 Wohnungen mit mehr als 1000 neuen BewohnerInnen) wegen seiner Dimensionierung und auf Grund der dazu fehlenden Verkehrs- und Infrastruktureinrichtungen auf heftige Ablehnung stößt, hätte das von Architektin Claudia Schumm entwickelte Wohnprojekt „Glückstadt" in den Reihen der Bürgerinitiative „Monsterprojekt Dittelgasse- nein danke“ Akzeptanz gefunden.

    Auch wenn es zu keiner Verwirklichung der Glückstadt in der Dittelgasse kommen wird, gibt es zuletzt eine erfreuliche Meldung: Vizebürgermeisterin Vassilakou hat knapp vor Redaktionsschluss doch zugesagt, sich für Veränderungen am derzeit bevorzugten Projekt einzusetzen und diese mit den betroffenen AnrainerInnen zu besprechen.

    Ob und wo auch immer die „Glückstadt“ ihre Verwirklichung finden wird, zeigt deren Akzeptanz durch die Bürgerinitaive in der Dittelgasse, dass sie sich der Notwenigkeit der Schaffungvon neuem leistbaren Wohnraum nicht verschließt, und dass alle diesbezüglich gegenteiligen Vorwürfe jeglicher Grundlage entbeeren.

    Der KAKTUS hat mit der Architektin Claudia Schumm (www.architekturundheilung.at) über die Bedeutung bzw. das Wirken von Wohnen auf den Menschen und die Gesellschaft und über Alternativen im Bereich des Wohnbaus, wie beispielsweise die von ihr entworfene „Glücksstadt“ gesprochen. Nachstehend unsere Fragen und ihre Antworten:

    Kaktus: Wie bewerten Sie die Rolle des Wohnens in Bezug auf einzelne Menschen bzw. die Gesellschaft?

    CS: Wohnen ist ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen. Wenn es übergangen wird, so hat das nicht nur für eine einzelne Person, sondern für die gesamte Gesellschaft negative Auswirkungen. In der Gesellschaft gibt es den Widerspruch, Wohnen zum einen als Wirtschaftsfaktor und zum anderen als Gefühlssache bzw. wichtigen Teil des persönlichen Umfeldes zu sehen. Eine Wohnung oder ein Haus darf nicht nur ein Raum zum Schlafen sein, sondern muss den unterschiedlichsten sozialen Bedürfnissen und individuellen Gruppen Raum geben.

    Kaktus: Sie haben ein Wohnprojekt mit dem Namen „Glückstadt“ als Alternative zu herkömmlichen Wohnbauten entworfen. Was ist der Hintergrund dieses Projekts und wie kam es zu diesem Namen?

    CS: In der heutigen Zeit gibt es viele Gruppen, welche aus unterschiedlichen Gründen in soziale Isolation oder auch in eine wohntechnische Notlage geraten. Zum Beispiel Einzelpersonen über Fünfzig, welche sich scheiden ließen oder arbeitslos wurden. Die „Glücksstadt“ soll diesen Menschen einen Neustart ohne Stigmatisierung bieten und es ihnen ermöglichen, in einem stärkenden Lebensumfeld und aktivem Bewusstsein ihre persönliche Situation selbst zum Glück wenden zu können. Aber auch Individualisten, die einen bewusst reduzierten Lebensstil wählen und mit wenig materieller Anhäufung mehr vom Leben und mehr Zeit für sich selbst haben wollen. Wohnen wird ja immer mehr zum Luxusartikel, das Anschaffen und Erhalten von Wohnraum immer teurer. Da gibt es immer mehr freiwillige Systemaussteiger.

    Kaktus: Welche Aspekte zeichnet die „Glücksstadt“ aus?

    CS: Das Leben mit der Natur ist dabei ein wesentlicher Aspekt, denn es bringt Heilung auf allen Ebenen. Man braucht zum Glücklichsein nicht viel Fläche, daher nur 31 m2 pro Wohneinheit. Aber die sozialen Kontaktmöglichkeiten ohne Gruppenzwang sind in diesen Lebenssituationen oft sehr wichtig. Die BewohnerInnen könnten sich, wenn sie das wollen, in den unterschiedlichsten Bereichen, wie zum Beispiel einen gemeinsamen Garten einbringen und so jeder nach seinen persönlichen Fähigkeiten zu einem guten Miteinander beitragen.
    Auch muss die „Glücksstadt“ gut in das jeweilige Umfeld eingebaut werden, was durch die Flexibilität der Wohneinheiten gegeben ist. In diesem Zusammenhang kann man sich auch überlegen, ob man im Bereich des Wohnbaues auch Orte einplant, welche für jeden zugänglich sind. Wie zum Beispiel ein Cafe oder ein Arztzentrum. Ich kann mir auch einen Potenzial-Pool vorstellen, wo wertvolles Know How genutzt und auch dem Umfeld angeboten werden kann.

    Kaktus: Wie kann das Projekt realisiert werden?

    CS: Essenziell zur Realisierung des Projekts ist ein Initiator bzw. eine Projektgruppe. Dies kann zum Beispiel eine soziale/karitative Organisation sein. Wichtig ist auch die Frage des Baugrundes und natürlich der Finanzierung.

    Kaktus: Was sind Ihrer Meinung nach Perspektiven im Bereich des Wohnbaus und kann das Projekt zu einem Umdenken führen?

    CS: Wie schon zuvor gesagt ist Wohnen ein notwendiges Grundbedürfnis, welches alle beeinflusst. Darum ist Architektur auch mehr als nur das Bauen von Gebäuden und Schaffen von Quadratmeter Wohnflächen. Es ist auch immer eine Art Gefühl oder Erlebnis und natürlich auch ein Statement. Man kann hier zum Beispiel an Hundertwasser erinnern, welcher mit vielen Ideen in seiner Zeit belächelt wurde, welche sich heute jedoch in vielen Bereichen durchgesetzt haben. Ich denke, dass auch die „Glücksstadt“ ein Nadelstich ist, welcher dazu beitragen kann, zu einem Bewusstsein zu führen, dass es bei Wohnen nicht nur um Erfüllen von Wohnfunktionen geht, sondern vorwiegend um ein angenehmes Lebensgefühl, um Freude und aufbauende Energie für die BewohnerInnen.