Willkommen bei KAKTUS - Online / KPÖ-Donaustadt Dienstag, 19. Oktober 2021 @ 05:23

Lobauwanderung der KPÖ-Donaustadt

  • Sonntag, 10. Oktober 2021 @ 21:49
Vergangenen Samstag veranstaltete die KPÖ 22 einen Spaziergang durch die Lobau. Neben den Naturschönheiten dieser Landschaft wurde jedoch auch über die Geschichte der Lobau und die Diskussion rund um die umstrittenen Megastraßenprojekte (Stadtstraße, Lobautunnel) betrachtet.

Anbei eine kleine Nachlese. Bei prächtigem Herbstwetter ging die Route von dem Nationalparkhaus am Dechantweg über den Josefsteg hin zum „Knusperhäuschen“ bei der Panozzalacke und abschließend zum antifaschistischen Denkmal beim Tanklager Lobau.

Aber warum kam es überhaupt zu dieser Veranstaltung? Aktuell ist die Lobau durch die Diskussion um geplante Hochleistungsstraßenprojekte wie die Stadtstraße und insbesondere den Lobautunnel wieder stark in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Zahlreiche lokale und überregionale Initiativen setzen sich schon länger gegen diese Projekte ein und haben nun auch seit einigen Wochen ein Protestcamp errichtet bzw. Baustellen besetzt.

Auch die KPÖ 22 engagiert sich schon lange gegen diese Projekte und der KAKTUS veröffentlicht regelmäßig Beiträge, in welchen die katastrophalen sozialen, ökologischen und verkehrstechnischen Folgen dieser geplanten Straßen dargestellt und fortschrittliche Alternativen (massiver Ausbau des öffentlichen Verkehrs, bessere Nahversorgung,…) vorgeschlagen werden. Mit der Wanderung sollte jedoch versucht werden auch die historische Rolle der Lobau, als das wichtigste Naturschutz- und Naherholungsgebiet Wiens, in einigen Facetten darzustellen, so gibt es schon in den 1930er Jahren einen Beitrag in der KPÖ Zeitung „Die Rote Fahne“, in welcher die Lobau beschrieben wird:

„Die Lobau mit allen ihren Licht- und Schattenseiten ist das einzige, was den licht- und sonnenhungrigen Proletariern der Großstadt geblieben ist. Ein anderes Vergnügen als „wildbaden“ zu gehen, können sich die Arbeiter und die Arbeitslosen schon gar nicht mehr leisten. Kommt so ein schöner Badetag, so packt man seine „Sieben Zwetschken“, die gewöhnlich aus Brot, Rettich, Dürrewurst oder einem Malzkaffee bestehen, zusammen und wandert nach dem Proletarier-Lido, der sich von der Floridsdorfer Brücke bis kilometerweit nach der Stadlauerbrücke zieht.“

Mit dem Spaziergang sollte also versucht werden einerseits die Schönheit und Wichtigkeit der Lobau in der jetzigen Form für die gesamte Bevölkerung darzustellen und andererseits auch ein bisschen in die Geschichte dieser Landschaft eingetaucht werden.

Anbei einige (gekürzte) Ausschnitte von Beiträgen, welche während der Wanderung von Bernhard Gaishofer, Bezirkssprecher der KPÖ 22, vorgetragen wurden:

Kolonien in der Lobau:

Die soziale Situation nach dem 1. Weltkrieg war mehr als prekär. Arbeitslosigkeit und vor allem Wohnungsarmut waren omnipräsent. Vor allem die Frage wie man gegen die Wohnungsnot vorgehen sollte, spaltete die (fortschrittliche) Bevölkerung. Auf der einen Seite wurde die Strategie des kommunalen Wohnbaus verfolgt, welcher Wien weltberühmt machte. Auf der andern Seite gab es die sogenannte „Gartenstadt Bewegung", welche auch in Österreich teilweise sehr spezielle Entwicklungen nahm. So wurde der SPÖ Politiker Josef Wagner ein Verfechter der sogenannten „Kolonien in der Heimat“ – das bedeutet, dass vor allem Arbeitslose und Kriegsheimkehrer in die Lobau gehen sollten, um dort Gebiete zu roden, sich anzusiedeln und vom urbar gemachten Land fortan leben sollten. 1927 wurde dieses Projekt gestartet, wobei rund 200 Menschen in die Lobau aufbrachen.

Die Idee dazu war nicht neu – bereits 1926 kam es in Orth an der Donau zum sogenannten Siedlerputsch von Oberau, wobei rund 150 vor allem Arbeitslose die ehemaligen Jagdgründe von Franz Ferdinand besetzten und mit Waldrodungen und der Errichtung von Barracken begannen. Die vollkommen überraschte Polizei und Gendarmerie reagierte sehr passiv, vor allem da in den Tagen darauf die Siedlerbewegung auf rund 800 Menschen anstieg. Erst nach langen Verhandlungen wurden den Siedlern günstige Pachtgründe im Wiener Wald zugesagt, wenn sie das Gelände räumen würden. Auch kam es 1926 zum sogenannten „Bretteldorferkrieg“ neben dem Bruckhaufen (Kaisermühlen). Hintergrund war der, dass dort schon vor dem ersten Weltkrieg günstige Pachtgründe vergeben wurden und sich vor allem arme Leute „wild“ ansiedelten und eine richtige kleine Bretterstadt bauten. Der Gemeinde Wien war dies ein Dorn im Auge und man wollte die Verhältnisse in geordnete Siedlungsbahnen lenken. Vor allem wollte man „wildes“ Siedeln unterbinden. 1926 spitzte sich die Situation zu – es kam zur Ankündigung, dass das Gebiet geräumt wird, seitens der Siedler wurde Schützengräben ausgehoben und Kriegspläne erstellt. Eine Eskalation konnte aber verhindert werden. Viele dieser Siedlungen wurden im Nachhinein legalisiert, das Bretteldorf nicht – in den 60er Jahren wurden die letzten Hütten entfernt.

Doch zurück zur Lobau: 1927 wurden militärische Unterstände gebaut und mit dem Waldabroden begonnen, vor allem Arbeitslose, aber auch arme Arbeiter siedelten sich an. Zeitweise waren dort so viele Menschen, dass sogar seitens des Arbeitsamtes extra ein Kontrolleur einmal in der Woche vorbeikam um den Menschen den Weg zum Arbeitsamt zu ersparen. Zunächst war man sehr hoffnungsvoll („Arme streiten nicht“), trotzdem kam es quasi zu einer Spaltung der Kolonistengruppe und es brachen große Streitereien, welche in Schlägereien, Brandanschlägen und dem gegenseitigen Stehlen von Tieren ausarteten, aus. Auch waren die Unterkünfte und die Lebensqualität weit hinter dem, was man sich erwartet hatte. 1927/28 gab es drei große befestigte Blockhäuser und einige offizielle Gebäude.

Insgesamt scheiterte die Kolonisierung. Einigen kolonisierenden Familien gelang es jedoch Fuß zu fassen und von Gemüse- und Obstanbau bzw. Kleintierhaltung ganz gut zu leben, vor allem da sehr viele dieser Güter „in der Stadt“ verkauft werden konnten. 1932 waren rund 5600 m2 urbar gemacht und die dort lebenden Familien erwirtschafteten einen Jahresgewinn von 4000 Schilling – was zu dieser Zeit durchaus ein kleines Vermögen war.

Nacktbadekultur:

Im „Fin de siecle" war Prüderie und eine sehr bürgerliche Moralvorstellung weit verbreitet, doch bildeten sich auf vielen Ebenen Gegenkräfte zu dieser Einstellung um das Körperbewusstsein bzw. Sexualität zu thematisieren (Siegmund Freud mit der Psychoanalyse, in der Literatur z.B. Frank Wedekind „Frühlingserwachen“, Frauen- und Jugendbewegung (Rad, Blaue Blume), Turnvereine). Auch die FKK Kultur verbreitet sich bereits vor dem 1. Weltkrieg, wobei in Österreich diese Entwicklung (wahrscheinlich auf Grund der starken katholischen und absolutistischen Prägung) im Vergleich zu anderen europäischen Ländern recht langsam voran geht.

Insgesamt kann man die FKK Kultur gerade auch zu Beginn grob in zwei Gruppen einteilen – einerseits quasi „Hippies“, welche alternative Lebensformen ausprobieren möchten, wie zum Beispiel Florian Berndl, andererseits massive rassistisch-völkische Bewegungen, wie Adolf Josef Lanz (Rassenhygiene, „Nackt- und Rassenkultur im Kampf gegen Mucker- und Tschandalenkultur“, gegen Lust und Erotik („geile Weiber“). Folgend bildeten sich zahlreiche FKK Vereine: 1918 Lichtfreunde, 1925 „Gesunde Menschen“ (unbekleidete Turnübungen = Turnen im natürlichen Zustand, um bei Behörden anerkannt zu werden). Weiteres gab es sozialistische Reformer (Freie Menschen), wobei auch diese sehr umstritten waren. Sie entwickelten sich auch aufgrund der Arbeitszeitenverkürzung, es sollte ein „neuer Mensch“ geschaffen werden. Diese Bewegung war aus heutiger Sicht sehr progressiv, so wurde auch auf eine Ernährungs- und Sexualreform gepocht und Homosexuellenrechte wurden vertreten.

Es bildet sich eine kleine Kolonie in der Lobau, wo auch „sozialistischer Sport“ (kein Wettkampf, da schon im Arbeitsleben zu viel Konkurrenz, Selbstbewusstsein soll gesteigert werden – Gruppensport und Gymnastik) betrieben wurde. Viele der sozialistischen FKKler waren ebenso Freidenker, Esperantosprecher und Schutzbündler. Insgesamt waren bei dieser Bewegung auch eher „intellektuelle“ Linke vertreten. Kommunist*innen waren dort tendenziell nicht organisiert, sondern eher bei den „wilden Nacktbadern“. Während des Faschismus kam es zum Verbot weiter Teile dieser Bewegung, wobei einzelne Aspekte wie Leibeszucht, gesunde Ernährung,… von den Nationalsozialisten durchaus gefördert wurden.

Auch zu Beginn der 2. Republik nahm die Prüderie wieder zu und es wurden Maßnahmen ergriffen, um das Nacktbaden einzudämmen, wie beispielsweise das „Gesetz zum Schutz der Jugend gegen Unsitte“ Erst ab den 1960er Jahren entwickelten Orte der Lobau (Dechantlacke, Panozzalacke,…) oder die Hirscheninsel bzw. Lokale wie die Oase, zu Hotspots der FKK Szene.

Tanklager Lobau

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Öltanklager Lobau errichten, welches später auch als Raffinerie genutzt wurde. Ebenso wurde ab 1939 der Bau des (schon sehr, sehr lange) geplanten Donau-Oder-Kanals vorangetrieben. Für diese Arbeiten wurden vor allem Zwangsarbeiter eingesetzt, welche zum größten Teil aus sowjetischen Kriegsgefangenen, (ungarische) Juden und politischen Gefangenen zusammensetzten. Viele der inhaftierten wurden auch für Arbeiten im Umland eingesetzt. Da das Mineralöl kriegsentscheidend war, kam es ab zu regelmäßigen Bombenangriffen auf das Lager und das Umland (wo zum Beispiel auch einer der größten Militärflughäfen Wiens – das Flugfeld Aspern war). Zu diesem Zweck kam es zur Errichtung von Bunkeranlagen – diese waren jedoch nur für das Wachpersonal und die Rohstoffe vorgesehen, die Zwangsarbeiter wurden während der Angriffe an die Oberfläche getrieben. Besonders tragisch ist auch die Tatsache, dass es beim Zwangsarbeiterlager beim Ölhafen seit 1942 eine Bordellbaracke gab, wo sich Frauen aus besetzten Gebieten prostituieren mussten. Nichtsdestotrotz gibt es auch in diesem Zusammenhang kleine Geschichten, welche einen an das Gute im Menschen glauben lassen, so zum Beispiel die Frau Hermine Dasovsky, welche das Lagergasthaus „Schönes Platzerl“ in der Lobau betrieb.

Nicht nur versorgte sie die Gefangenen mit Extrarationen oder schenkte ihnen das Essen, sie schmuggelte auch Post in und aus dem Lager und einmal organisierte sie sogar ein Treffen zwischen einem französischen Kriegsgefangenen und dessen Frau, welche es nach Wien geschafft hatte.

Seit 2010 gibt es zum Gedenken an die Zwangsarbeiter ein Denkmal:

"Im Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes 1938-1945 Dieses Mahnmal erinnert im Besonderen an jene Frauen und Männer die in den hier befindlichen Lagern und Einrichtungen während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeit leisten mussten. Viele von ihnen kamen dabei ums Leben!
Niemals vergessen!