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    Willkommen bei Kaktus
    Wednesday, 22. November 2017 @ 23:08

    Die Februarkämpfe im Goethehof

    Georg und Valentin Strecha waren in diesen Tagen dabei.

    Der Aufstand am 12. Februar 1934 gegen das austrofaschistische Regime wurde von den Heimwehrverbänden und dem Militär brutal mit größter Brutalität niedergeschlagen. Die Geschehnisse stellen eine entscheidende politische Zäsur auf dem Weg zum März 1938 dar. ArbeiterInnenwohnhäuser wurden kaltblütig beschossen. Auch der Goethehof in Kaisermühlen, ein Gemeindebau, der wie der Karl Marx-Hof, in der Zeit des Roten Wien erbaut, war ein Brennpunkt des Kampfgeschehens dieser Tagen.

    Valentin Strecha und sein älterer Bruder Georg Strecha gehörten zu den Verteidigern des Goethe-Hofes. Während Georg später von den Nazis verhaftet und hingerichtet wurde, überlebte Valentin und war auch nach Kriegsende weiter für die KPÖ-Donaustadt aktiv. Anfang der 70er Jahre war er KPÖ-Bezirksrat in unserem Bezirk. In seinem im Globusverlag 1988 erschienen autobiografischen Buch „Widerstand für Österreich“ beschreibt Valentin Strecha die Geschehnisse von damals im Goethehof.

    Hier ein Auszug davon!

    Aus den Erinnerungen des Kommunisten Valentin Strecha (geb. 1916)

    „Wir waren im Goethe-Hof im Jugendheim, einem Kellerlokal: SAJIer, Wehrsportler, auch einige ältere Genossen. Im Bereitschaftslokal des Schutzbundes, das sich am anderen Ende des Goethe-Hofes befand, waren die Genossen von der Alarmabteilung. Es war ein emsiges Kommen und Gehen, eine Hektik und Aufregung. Die wildesten Gerüchte sind herumgeschwirrt. Konkret wussten wir jedoch nur, dass es in der Stadt Absperrungen gegeben hat. Das war die Stimmung bei uns am 11. Februar 1934, dem Tag vor dem Ausbruch der Kämpfe.

    Wir haben beobachtet, wie die verantwortlichen Genossen von der Alarmabteilung des Schutzbundes die Waffen freigelegt haben. Da es keine Weisungen von unseren Wehrsportverantwortlichen gegeben hat, haben wir uns als Teil des Schutzbundes betrachtet. Bis 1 oder 2 Uhr machten wir Nachtdienst, dann sind wir schlafen gegangen.

    Meine Mutter hatte natürlich Angst um mich und Georg, wir beide waren die einzigen, die in dieser Nacht zu Hause waren. Sie meinte zu mir, ich soll mich nicht immer vordrängen, aber zugleich war sie überzeugt davon, dass es notwendig ist, sich zu wehren, Sie war auf Grund des Unrechts, das sie zeitlebens erfahren hat, sehr sensibel für jede Art der Unterdrückung und eine klassenbewusste Frau.

    Am nächsten Morgen haben wir Jugendlichen schließlich auch Waffen bekommen. Eigentlich hat man uns nicht ganz ernst genommen. Noch nicht. Später hat sich dann herausgestellt, dass es gerade die jungen Menschen waren, die bis zuletzt gekämpft haben.

    Der Leiter der Kämpfe im Goethe-Hof war Krbec, sein Stellvertreter Erjautz. Insgesamt hatte der Schutzbund in diesem Gemeindebau 180 bis 200 Mitglieder. Wir Jugendlichen wurden eingeteilt, einen Teil der Vorderfront des Goethe-Hofs zu verteidigen. Viele Frauen haben uns geholfen. Sie brachten uns zu essen, leisteten Kurierdienste und, als es nötig wurde, Sanitätshilfe.

    Über das Eis der Alten Donau

    Wir richteten einen Patrouillendienst ein, der nirgendwo Polizisten entdecken konnte. In der Nacht zum 13. Februar sind wir dann mit Erjautz übers Eis - die Alte Donau war damals zugefroren - in Richtung Kagraner Brücke losgezogen. Wir waren eine Gruppe von 50 bis 70 Leuten. Als Befehlsstand diente uns ein kleines Dienstgebäude der Straßenbahn, das wir gewaltsam geöffnet haben. Auf der Kagraner Brücke haben wir ein Auto aufgehalten, die Insassen sind geflüchtet, es kam auch zu einer Schießerei, wobei der Lenker des Lkw eine Schussverletzung erlitt. In dem Wagen fanden wir Gewehre und Maschinengewehre. Wir sind dann die Wagramer Straße weitergezogen bis zum Gemeindebau. Die dortigen Schutzbündler haben sich uns, soweit überhaupt noch anwesend, angeschlossen. Wir haben die herumliegenden Waffen geborgen und sie zu unserem Straßenbahnhäuschen gebracht.

    Ich bin durch die frühe Bekanntschaft mit den Problemen der Arbeiterbewegung um etwas mehr bewusst gewesen als andere in meinem Alter, und ich habe mir gedacht, wenn wir diesen Kampf nicht kämpfen, was konnte dann folgen, wenn die Arbeitenden nicht wahrnehmen wollen, dass es um ihre Rechte geht. Die Folge konnte doch nur sein, dass sich das reaktionäre Regime behaupten und die Arbeiterbewegung vollkommen entmachtet würde. Zuerst waren es ja nur einzelne Arbeiter, die an uns vorbei wollten, aber je heller es wurde, desto mehr kamen. Das war, nachdem bekannt wurde, dass der Generalstreik nicht stattgefunden hat und im Radio die ganze Zeit Walzermusik gespielt wurde, so, als wäre alles Liebe und Waschtrog. Damals, in dieser ganzen Hektik, ist mir das nicht aufgefallen, dass die Schutzbund-Führung gar keinen Wert darauf gelegt hat, die Menschen über den eigenen Kreis hinaus zu informieren, sie aufzufordern, an dem Kampf teilzunehmen, ihn zu ihrer Sache zu machen.

    Aber ich erinnere mich, dass ich dort auf der Brücke an die Worte meines Bruders Georg denken musste, die er am Vorabend zu mir gesagt hatte (Georg war im Goethe-Hof zurückgeblieben und hatte sich dort an den Kämpfen beteiligt): "Das ist klar, der ganze Einsatz da ist jetzt für nichts, außer dafür, dass sie nicht sagen können, wir haben kapituliert, ehrlos kapituliert. Die wirklichen Auseinandersetzungen werden erst nach dieser beginnen." Ich war zornig geworden, denn es war mir unvorstellbar gewesen, dass wir diesen Kampf verlieren könnten. Ich hatte mich von den lokalen Erfolgen so beeindrucken lassen, dass ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sah. An diesem Morgen aber ahnte ich zum ersten Mal, dass mein Bruder Recht haben könnte.

    Ein Ultimatum für den Goethehof

    Um diese Zeit kam ein Genosse und informierte uns, dass dem Goethe-Hof ein Ultimatum gestellt worden sei. Inzwischen hatten wir auch erfahren, dass in Floridsdorf heftig gekämpft wurde. Wir haben die Barrikade den Genossen von Kagran und Stadlau überlassen und sind mit dem erbeuteten Auto in den Goethe-Hof zurückgekehrt. Plötzlich bemerkten wird, dass einige von unseren Leuten ihre Waffen in die Alte Donau werfen wollten. Robert Schneider sagte: "Wer auch nur eine Patrone ins Wasser wirft, wird erschossen." (Robert Schneider war Zugsführer im Schutzbund, ein einfacher Arbeiter. Er war damals mein Vorbild und ist es lange geblieben. Wenn ich mir einen anständigen Funktionär der Arbeiterbewegung vorstelle, dann fällt mir immer Robert ein. Mit ihm war ich auch befreundet, obwohl er zwei Jahre älter war als ich.) Es kam zu hitzigen Diskussionen. Schließlich einigten wir uns darauf, dass wir auf jeden Fall in den Goethe-Hof zurückkehren, egal, was dort inzwischen geschehen ist, und dass diejenigen, die zu feig sind zum Mitkommen, eben abhauen sollten. Einige haben sich entfernt, die meisten sind in den Goethe-Hof zurückgefahren und haben dort wieder Stellung bezogen.

    Es sprach sich bald herum, dass in Floridsdorf die Schutzbündler unter der Übermacht der Heimwehr und der Exekutive viele Tote und Verwundete hatten, ein größerer Teil von ihnen aber flüchten hatte können. Sie hatten beschlossen, sich gemeinsam und bewaffnet in die Tschechoslowakei durchzuschlagen. Diese Haltung hat uns zugesagt. Wir wollten ihnen, so gut wir konnten, helfen und haben uns gesagt, wenn die Reichsbrücke gesperrt bleibt, ist das für die Verfolger sicher eine Erschwernis, deshalb sollten wir die Reichsbrücke, solange es irgendwie möglich ist, mit unseren Waffen unpassierbar machen. Am nächsten Tag, das war der 14. Februar, ist das Ultimatum abgelaufen. Tatsächlich hat bereits am Morgen die Artillerie zu schießen begonnen und die Vorderfront des Goethe-Hofs zu einem großen Teil zerstört. Dort, wo wir unser Maschinengewehr hatten, haben sie einen Volltreffer erzielt, so dass der Genosse, der es bediente, und sein Helfer mitsamt dem Maschinengewehr einen Stock tiefer gefallen sind - zum Glück wurde dabei niemand verletzt. Die Wohnungen auf dieser Seite wurden fast alle zerschossen. Die Frauen und Kinder, die hier wohnten, waren von uns über das Ultimatum informiert worden und hatten sich daher schon vorher in den Keller begeben - so konnte größeres Unheil abgewendet werden.“

    Nach dem Ende der Kämpfe gelang es Valentin Strecha in den 2. Bezirk zu kommen, wo er für eine Woche bei Genossen Unterschlupf fand. Als er in den Goethehof zurückkehrte, wurde er verhaftet, vermutlich durch Denunziation, und für drei Wochen im Jugendgericht festgehalten. Da ihn aber auch Schläge zu keinen belastenden Aussagen oder Geständnissen zwingen konnten, musste er wieder freigelassen werden.

    Von Valentins Bruder Georg (geb. 1911) ist des Weiteren bekannt, dass er Jahre später, im wahrsten Sinne des Wortes, „Sand ins Getriebe“ der Wehrmacht streute und auf diese Weise Lokomotiven und Waggons betriebsunfähig machte. Er wurde schließlich verhaftet, 1944 zum Tode verurteilt und im Landesgericht hingerichtet.

    Als sein Vermächtnis an seine Familie, seine Freunde und Genossen hinterließ er das folgende Gedicht:

    Wenn vom vereisten Gipfel
    Wenn vom vereisten Gipfel
    sturmgebannt dein Blick
    auf gigantischem Felsen ruht.

    Wenn, der Nebel zerrissen,
    die Welt sich weitet und
    lichter Sonnenglanz die Mühe lohnt.

    Wenn das Wissen innewohnt,
    das selbst in Sturm und Nacht
    oft brüllend vor Schmerz
    dann wieder leise und sacht,
    die Hoffnung dich erschauen lässt.
    Dann wirst du, trotz der Tränen, glücklich sein.

    Nicht vegessen!

    Am Samstag, 15.Februar 2014 (Beginn 16 Uhr) ladet die KPÖ Wien zu einer Kundgebung „80 Jahre Februar 1934 vor dem Goethehof nach Kaisermühlen und danach zu einer Veranstaltung in das naheliegende WERKL ein.

    Mehr Infos über die Kundgebung und Veranstaltung-Hier klicken!