kaktus - kritisch anders konsequent tolerant unbequem sozial
  • Erweiterte Suche
  • Impressum & Kontakt
  • Links
  • Kalender
  • Home
  • KAKTUS - Online / KPÖ-Donaustadt    

    Willkommen bei Kaktus
    Sunday, 22. October 2017 @ 04:39

    Durchgefallen, Frau Ministerin!

    Briefe eines Lehrers
    Von Karl Gugler, AHS-Lehrer

    Haben Sie auch schon etwas aufgeschnappt und von der aktuellen Diskussion ums Durchfallen und Klasse wiederholen gehört? Genau passend zum Zeitraum, in welchem die Wiederholungsprüfungen liefen, meldeten sich die Frau Ministerin und andere „Bildungsexperten“ zu Wort. Ein ganzes Jahr zu verlieren, nur weil man einen oder zwei Fünfer im Jahreszeugnis hatte, das sei doch rückständig und altmodisch, stellt erstere fest – kinderfreundlich, wie sie nun einmal ist. Und der Bildungsexperte aller Bildungsexperten rechnet dienstbeflissen und mediengeil vor, was dieses Durchfallsystem uns allen kostet – an Lehrer/innen/gehältern natürlich. Dass die das nicht verdienen, was sie verdienen, gilt ja schon seit geraumer Zeit als ausgemacht. Und diese pauschale und oberflächliche Vorverurteilung will gepflegt werden in einer Zeit, in der eine Neuordnung des Lehrer/innen/dienstrechtes und der –entlohnung ansteht. Da ich nun einmal unerschütterlich an die Nachhaltigkeit der Wahrheit glaube, will ich die Geschichte einer Schülerin erzählen, die jeden Grund gehabt hätte, sich den Meinungen der oben erwähnten „Bildungsexperten“ anzuschließen. Nennen wir sie Magdalena, ihren Gegenspieler Hrn. Koll. Pilz und nehmen wir an, das Fach sei Geografie gewesen.

    M. zählte gewiss nicht zu den Strebsamen. Was sie im Unterricht so vorgesetzt bekam, na ja, das ging so. Ihr Hauptaugenmerk legte sie auf die Schularbeitsfächer. Nach 8 Jahren Schulbesuch wusste sie längst, wie der Hase lief. Sie peilte Dreier an. Der eine und der andere Vierer waren dann doch dabei. Die Drohungen, die der Herr Pilz in Geografie – manchmal auch lautstark – ausstieß, nahm sie nicht wirklich ernst. Und immer dann, wenn er M. etwas fragte, wagte sie nicht sofort, irgendetwas zu antworten. Eine gewisse Feindlichkeit vermeinte sie dann zu spüren, die erst recht ihre Sprechfreude erwürgte. Wortkarg war sie immer schon, wenn es um etwas Ernstes ging. Umso mehr war sie am Plaudern, solange das Thema oberflächlich war.

    Aber Magdalena hatte eine große Liebe. Sie liebte die Musik. Sie konnte ausgezeichnet singen und auch ein bisschen Klavier spielen. Und weil ihre Mama auch wusste, dass man etwas haben muss, woran man sich erfreut, förderte diese das Talent ihrer Tochter. Die Gesangs- und Klavierausbildungen rissen zwar ein Loch ins Budget, das die beiden zur Verfügung hatten, aber die Ich-Stärke, die M. daraus bezog, war unübersehbar. Enormer Ehrgeiz erwachte in ihr. Die Gesangslehrerin verneigte sich schon vor ihrem Talent. Die Professionalität, mit der sie den Song „Bad Day“ sang, ließ sogar Christl Stürmer schlecht aussehen. Und ihrer Traurigkeit darüber, dass da kein Vater für die vielen Fragen, die sie hatte, da war, konnte sie wenigstens mit einem Lied, das sie selber gedichtet hatte, Ausdruck verleihen. „Papa, I love you, I need you, I hate you“, so ging der Refrain.

    Pubertät vom Feinsten, würde ich jetzt sagen. Wenn du das liest, Magdalena, bitte entschuldige die Schnoddrigkeit meiner Worte. Aber nachdem ich schon seit Jahrzehnten große Haufen von Pubertierenden unterrichte und ich auch nicht gerade ein Freund des viele Worte Machens bin, verkürze ich eben gern Dinge, die so sonnenklar auf der Hand liegen. Und: Pubertät ist keine Krankheit!

    Das alles hat der Kollege Pilz übersehen. Oder er hatte nicht mehr die Kraft oder die Bereitwilligkeit, pubertäre Verhaltensweisen als mildernde Umstände seiner Beurteilung voran zu stellen. Zu oft hatte er sich schon über M. geärgert, vielleicht sogar über ihren Charakter. Vielleicht hatte er auch den Vorlesungen zur Entwicklungspsychologie nicht gebührend Bedeutsamkeit beigemessen. Oder aber er hatte bis jetzt weder die Zeit noch die Absicht, sich mit der politischen Relevanz seines alltäglichen Tuns als Selektionsbediensteter auseinander zu setzen. Was er seinen Schüler/inne/n zweifelsohne bieten wollte, war schlicht ein interessanter und guter Unterricht. Denn auch Koll. Pilz ist sehr ehrgeizig. In den wenigen Dienstjahren, die er schon hinter sich hatte, hatte er gemerkt, wie schwierig es war, wirklich guten Unterricht zu fabrizieren, wie viel Kraft und Arbeitsstunden das kostete, wie wenig Hilfe man dabei bekam, wie allein man dabei war und wie viel pauschale Missachtung der Öffentlichkeit beigebracht wurde.

    Jedenfalls verabreichte er M. im Jahreszeugnis einen Fünfer – in Geografie. Und, obwohl es der einzige Fünfer war, hatte die Klassenlehrerkonferenz M. das Aufsteigen mit einem Nicht Genügend verwehrt. Wenn die Sache schief gegangen wäre und sie die Wiederholungsprüfung nicht bestanden hätte, hätte der Entwicklungsgang der M. mit ihrem (einzigen?) Aufhängepunkt des Musikerinnentalents (wie relevant ist so etwas denn schon?) eine erste große Delle abbekommen. Und weitere Dellen kriegt man dann als Gebrandmarkte recht zügig, bis dann das Urteil „Nicht weiter bildungswürdig“ feststeht und exekutiert wird.

    Und weil wir ja sowieso auch Leute brauchen, die beim BILLA die Regale einräumen oder anderen Leuten den Dreck wegputzen UND die dafür möglichst wenig Lohn erhalten dürfen, deshalb ist es der Frau Minister letztendlich auch wurscht, was da geschieht. Bloß mehr herausholen aus den Schüler/inne/n sollen sie, die Lehrer/innen, mit deren Arbeitskraft dann ein anderer ordentlich Profit machen kann. Darum geht’s doch, oder? Wie lange lassen WIR uns das eigentlich noch gefallen?

    Mit freundlichen Grüßen
    Karl GUGLER
    schulprobleme@kpoe.at

    Weiterführende Links