Ist die KPÖ die einzige Partei, die in der Donaustadt das antifaschistische Gedenken hochhält?

Montag, 15. Dezember 2025 @ 14:35

Der von der KPÖ bei der BV-Sitzung im Dezember 2025 eingebrachte Antrag zur Benennung des Gemeindebaus Meißauergasse 4-6 nach der Familie Wundsam wurde von allen anderen Parteien abgelehnt. Das wirft natürlich Fragen zu deren antifaschistischem Verständnis auf.

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Als Grund wurde ins Treffen geführt:

Es sei nicht üblich, einen Gemeindebau nach einer Familie zu benennen und es wäre unklar, wem die Ehrung gelte. Anna Wundsam oder ihren beiden Kindern Hilde und Othmar. Auch müssten sich die heutigen Bewohner_innen mit der Benennung identifizieren können. Hiefür sei der Zeitraum, in dem sich die Familie Wundsam Verdienste erworben habe, zu kurz. Diese wurden übrigens mit der haarstraubenden Begründung, die Person, welche vor den Nazi-Schergen versteckt worden war, sein ein“Agent der Sowjetunion“ gewesen, in Zweifel gezogen.

Bernhard Gaishofer, Bezirksrat der KPÖ, konterte:

„Wir haben den Antrag aufgrund eines Projekts von Wiener Wohnen gestellt, wo es darum gegangen ist, die Lebensgeschichten von Gemeindebaubewohner_innen während des Nationalsozialismus zu erforschen, ein Projekt, in dem auch die Familie Wundsam behandelt wurde... (Näheres dazu hier klicken!) [*1] Nachdem diese Familie sehr lange im Gemeindebau in der Meißauergasse gelebt hat, hielten wir es für eine gute Gelegenheit in Bezug auf 80 Jahre Befreiung diesen Antrag einzubringen.
Zu den formalen Gründen der Ablehnung:
Es verwundert mich schon, dass man Gemeindebauten nach Fauna und Flora benennen kann, aber nicht nach Familien.
An der inhaltlichen Begründung hat mich ziemlich irritiert, dass eines der Hauptargumente darin besteht, dass die Person, die die Familie versteckt hat, ein sowjetischer Agent war und in der DDR Orden bekommen hat. Ich finde es gewagt, dass man der Familie Wundsam deshalb ein Naheverhältnis zu stalinistischem Terror nachsagt und sie als so umstritten einstuft, dass kein Gemeindebau nach ihr benannt werden kann.
Es geht ja um die Familie Wundsam und nicht um Josef Zettler, den Mann der versteckt wurde.
Ich habe es schon letztes Mal gesagt: Ich find’s wunderbar, dass die Gemeinde Wien und nahestehende Institutionen aktive Projekte in Bezug auf Gedenkarbeit und Erinnerungskultur machen. Ich find’s aber sehr schade, dass eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesen Themen, bspw. im Zuge einer Benennung, nicht stattfinden kann. In diesem Fall geht es um eine verdiente Familie, die repräsentativ für die Zeitgeschichte ist. Die Eltern haben im Februar ’34 im Bürgerkrieg gekämpft, Hilde und Othmar waren künstlerisch sowohl im Bezirk als auch volksbildnerisch sehr aktiv. Ich weiß, ich steh jetzt wahrscheinlich alleine da, hoffe aber, dass es, unabhängig davon, wie der Antrag ausgeht, trotzdem eine Möglichkeit geben wird, die Familie Wundsam zu ehren.“


Keine_r derjenigen, die diesen Antrag abgelehnt haben, scheint zu wissen oder wissen zu wollen, dass die Sowjetunion damals Teil der antifaschistischen Front gegen den Nationalsozialismus war und letztlich einen wesentlichen Anteil an der Befreiung Österreichs hatte. Bei den Abgeordneten der FPÖ verwundert ihr Abstimmungsverhalten auch nicht weiter, aber bei allen anderen, besonders bei der SPÖ und den Grünen, die sich den Antifaschismus auf ihre Fahnen geschrieben haben, sehr wohl. Haben die Wundsams nicht ihr Leben riskiert, waren sie nicht der Gestapo-Haft ausgesetzt und in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert? Anna und Hilde Wundsam etwa von August 1944 bis April 1945 in Ravensbrück, Othmar Wundsam von Dezember 1944 zunächst in Buchenwald und Dora Mittelbau, dann in Mauthausen, wo er im Mai 1945 seine Befreiung erlebte? Alle drei haben zudem 1945 Todesmärsche überlebt. Nicht zuletzt waren Hilde Wundsam, und ihr Bruder jahrzehntelang an zahlreichen Schulen als Zeitzeugen tätig.

Über Hilde Zimmermann, geb. Wundsam, haben Tina Leisch und Marika Schmiedt in Zusammenarbeit mit Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr den Film „Dagegen muss ich etwas tun“ (2010) gedreht, der hier abrufbar[*2] ist. Dieser Film kann dazu beitragen, vorhandene Wissenslücken zu füllen.

Ebenso kann ein anlässlich des Ablebens von Othmar Wundsam 2014 im Kaktus erschienener Artikel (Hier klicken!) herangezogen werden.

Wer war Hilde Wundsam? (1920-2002)

Ihre Eltern waren aktive Sozialdemokraten; ihre Mutter arbeitete im Bildungsreferat der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), ihr Vater war als Eisenbahner ebenfalls überzeugter Sozialdemokrat. Wie Hilde Zimmermann später in einem Interview sagte, reichte ihre erste politische Erinnerung ins Jahr 1927 zurück – an die Aufregungen in der Familie nach den Urteilen im Schattendorfer Prozess und dem Justizpalast-Brand.

Ab etwa 1930 begleitete sie ihre Mutter öfters zu politischen Versammlungen. Bis 1934 verbrachte Hilde Wundsam viel Zeit bei den Kinderfreunden und den Roten Falken und nahm Angebote der Arbeiterbildung in Anspruch. Später bezeichnete sie die Jahre 1930 bis 1934 als ihre prägende und eine sehr glückliche Zeit.

Ihre Eltern wurden 1934 arbeitslos und waren im Februar 1934 am Österreichischen Bürgerkrieg zwischen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei mit deren Schutzbund und dem austrofaschistischen Ständestaat mit dessen Bundesheer und Heimwehr aktiv beteiligt: Ihr Vater war beim Schutzbund und wurde als Sanitäter in Floridsdorf eingesetzt, ihre Mutter versorgte verwundete Straßenbahner. Die Familie verlor durch Beschlagnahmung einen Großteil ihrer Habe.

Hildes Eltern wurden verhaftet, ihre Mutter kam für zwei Monate ins Gefängnis, der Vater für sechs Monate in das Anhaltelager Wöllersdorf.Die 14-Jährige und ihr 12-jähriger Bruder blieben alleine zurück und wurden durch internationale Hilfsaktionen versorgt. Sie selbst wurde erstmals 1935 kurz in Haft genommen, jedoch ohne weitere Folgen wieder entlassen.

Wie andere Jugendliche aus ihrem sozialdemokratischen Umfeld sympathisierte Hilde Wundsam mit der seit 1933 verbotenen und im Untergrund gegen den Faschismus agierenden sowie in der Arbeitslosenbewegung aktiven KPÖ, der sie sich später anschloss. Wegen der Erstellung von Flugblättern mit kommunistischen Parolen wurde sie zusammen mit anderen Jugendlichen 1936 verhaftet.

Im Jahr nach dem Anschluss wurden Hilde und ihr Bruder Othmar wiederum in Haft genommen, nachdem die Polizei bei einer Hausdurchsuchung ein kommunistisches Flugblatt gefunden hatte. Bei einer Silvesterfeier am Jahresende 1943 lernte Hilde Wundsam einen Untergrundkämpfer kennen. Dieser suchte Unterschlupf für einen von zwei sogenannten Fallschirmagenten, die, über England aus der Sowjetunion kommend, den Widerstand in Österreich mit unterstützen und vernetzen sollten. Hilde Wundsam und andere Frauen übernahmen gemeinsam die Aufgabe, den Agenten abwechselnd in ihren Wohnungen zu verstecken. Der aus Deutschland stammende Josef Zettler („Sepp“), konnte längere Zeit versteckt gehalten werden.

Als die Frauen vor einem Spitzel gewarnt wurden, war es bereits zu spät und alle Beteiligten wurden am 30. März 1944 verhaftet. Auch Othmar Wundsam, noch dazu selbst Funker bei der Wehrmacht, der gerade Heimaturlaub hatte, wurde festgenommen. Zettler wurde bei der Familie Wundsam aus dem Bett heraus verhaftet und dabei brutal behandelt. Alle Beteiligten kamen in Gestapo-Haft und wurden in der Folge in der Wiener Staatspolizeileitstelle am Morzinplatz mehrmals verhört. Die Frauen versuchten, mit einer vorher verabredeten Geschichte ihre Tat herunter zu spielen, mussten jedoch bald erkennen, dass die Gestapo ihnen schon länger auf der Spur war und von dem Agenten und dessen Mission wusste.

Wie die spätere Forschung ergab, war die Gestapo bereits vorab über noch kommende Fallschirmagenten informiert. Die ersten dieser Agenten waren gefasst worden und hatten nach schwerer Folterung viele weitere Namen und die Funkcodes verraten. So kam es alleine im Zuständigkeitsbereich der Gestapo-Leitstelle Wien von 1942 bis 1945 zu rund 100 Verhaftungen von Fallschirmagenten und zu rund 500 weiteren von Quartiergebern und Helfern.

Hilde und Anna Wundsam und ihre Helferinnen, kamen nach mehrmonatiger Gestapo-Haft in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück.


KAKTUS - Online / KPÖ-Donaustadt - Ist die KPÖ die einzige Partei, die in der Donaustadt das antifaschistische Gedenken hochhält?
https://kaktus.kpoe.at/article.php/20251220143520226

[*1] https://www.wienerwohnen.at/Neues-aus-dem-Gemeindebau2/2025_nie_vergessen,
[*2] https://vimeo.com/211122614