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    Dienstag, 11. Dezember 2018 @ 08:30

    „Wo bleibt die EDV-Milliarde, Herr Minister?“

    Brief eines Lehrers - von Karl Gugler

    Das frage ich mich, einmal mehr, nach der Lektüre der Neuauflage von „Bildung auf einen Blick 2018“ der OECD und des Regierungsprogrammes.

    Wieder einmal: eine Studie!

    Die OECD wörtlich: „Ein höherer Bildungsabschluss erhöht die Chance, auch einen Arbeitsplatz zu finden. Je höher der Abschluss, desto höher ist auch die Beschäftigungsquote.“

    Das ist eine klare Ansage einer Organisation, in der sich die 36 reichsten Industrieländer der Welt zusammengefunden haben. Besonders neu ist diese Erkenntnis aber nicht; den allermeisten Menschen auf der Straße ist sie sehr geläufig, vor allem, wenn sie Kinder haben.

    Denn diesen soll es ja einmal besser gehen als einem selber oder neuerdings – man kriegt ja die Zuspitzung mit – sollte es ihnen wenigstens nicht schlechter gehen. In der Konkurrenz der Kapitalisten wird man nämlich glatt untergebuttert, also den Verlierern zugeordnet, wenn es „der Wirtschaft“ schlecht geht. EIN mögliches Mittel, da als Lohnsklave dagegen zu halten, ist: ein hoher Bildungsabschluss!

    Und damit die ganz kleinen Kinderlein schon klar mitbekommen, WO in diesem Hamsterrad ihre Position ist, führen Sie die Ziffernnote in den ersten Klassen der Volksschule wieder ein. Gratuliere zu so viel Grausamkeit, Herr Minister! Aber ich gebe zu: konsequent ist das schon, auch „realistisch“, wenn das Ziel ist, das Hamsterrad für alle, eben auch die, die sich noch in Ausbildung befinden, ordentlich auf Touren bringen zu wollen und das auch zu müssen. Der Rohstoff, pardon, die Humanressourcen müssen optimiert werden, wenn ein Staat die internationale Konkurrenz gewinnen will.

    Das Regierungsprogramm – immer nur Phrasen!

    Genau in diesem Sinne liest sich auch Ihr Regierungsprogramm – auf unzähligen Seiten. Dort wird uns auch, einmal mehr, mitgeteilt, dass die totale Digitalisierung sehr sehr angesagt ist – als sehr potentes Mittel zum selben Zweck: „digitale Grundbildung in die Unterstufe, effektivere Digitalisierung der Hochschulen, moderne Verwaltung, Big Data, Open Access, Robotik, Blockchain, E-Learning, Industrie 4.0, Gigabit-Netz!“ Das Regierungsprogramm klingt da nur noch hechelnd und orgiastisch in meinen Ohren.

    Als langjähriges IT-Team-Mitglied meiner Schule lächle ich ja auch zustimmend, aber mit entschieden weniger Hysterie. Kürzlich erst konnte ich mich bei meinem eigenen Söhnchen vergewissern, wie euphorisierend sich Bildungszuwachs bei einem Jugendlichen auswirkt.

    Thema war: Mathe – quadratische Gleichung – Nullstellenberechnung. Ein spanisches Dorf zunächst für uns beide; die Inhalte des Schulübungsheftes waren auch nicht besonders hilfreich. Also schlug ich YouTube vor – ein absoluter Volltreffer!

    Irgendwo in der Schweiz hat sich ein mathematisches Didaktikgenie der Mühe unterzogen, diese Nullstellenberechnung Schritt für Schritt mit nachvollziehbaren logischen Überlegungen und in sympathischer Umgebung, in einem 5 Minuten Filmchen aufzuzeichnen und dieses dann den Hunderttausenden in der Welt, die es dringend brauchen, um nicht bei der nächsten Schularbeit zu verzweifeln, einfach zu schenken! Rasch waren auch unsere Hausübungsbeispiele gelöst. Das Söhnchen hob emotional gleich ab und meinte tatsächlich „wie schön doch Mathe“ sei. Und ich selber erhielt wieder einmal eine Bestätigung dafür, dass es richtig ist, was ich seit Jahren an meinem Schulstandort nach Kräften vorantreibe.

    Da hilft nur Selbsthilfe! In diesem September ließ ich mir von einer Maßmöbeltischlerei allerlei Platten zurecht schneiden, inclusive Beschläge – für einen Multimediaschrank. Einen guten Beamer sponserte der Elternverein für den Klassenraum. Weiters besorgte ich 2 Lautsprecherboxen, einen Tonverstärker, rüstete einen von der UNO ausgemusterten PC auf, verlegte allerlei Kabelkanäle, zog dann diverse Kabel ein, positionierte auch noch einen DVD-Rekorder, einen Monitor, ein Keyboard, eine Maus.

    Bezahlt hat das Ganze nicht etwa der Bund. Damit rechnete ich sowieso nicht mehr, als ich hörte, dass das Restbudget der Schule nicht einmal mehr für die Heizung im Winter reichen wird. Das Geld kam vom hausinternen Musikschulverein!

    Am Freitag letzter Woche konnte das System – fast – in Betrieb gehen – mit einem riesigen Schönheitsfehler: die Internetverkabelung fehlt. YouTube ist also (noch) nicht möglich.

    Herr Minister, ich spreche ja gar nicht von einer EDV-Milliarde, für uns täten es ein paar Tausender.

    Aber außer Worten kommt nichts von Ihresgleichen – seit Jahren!

    Mit freundlichen Grüßen
    Karl GUGLER

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