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    Dienstag, 11. Dezember 2018 @ 08:31

    Für eine Stadt der Vielfalt und der vielen bunten Schafe

    Ein Beitrag von Hilde Grammel ( Bewohnerin der Seestadt)

    Aufgabe von Politik in kapitalistischen Gesellschaften ist u.a., die bestehenden Klassenwidersprüche so weit in Vergessenheit geraten zu lassen, dass sie nicht mehr als solche erkennbar sind. Eine Strategie, um von Demokratieabbau, Umverteilung nach oben, Entrechtung, realer Verschlechterung von Arbeitsbedingungen usw. abzulenken, ist die Beschäftigung des Wahlvolkes mit Nebensächlichkeiten und Pseudodebatten. Diese kommen dann via TV, Gratiszeitung und Werbeplakat an den Mann und die Frau, und hallen tausendfach in den Absonderungen in den sozialen Medien nach, wo jede_r sich bemüßigt fühlt, seinen_ihren ganz persönlichen, häufig unreflektierten Senf dazu abzugeben.

    Ausdruck davon, dass Rassismus bereits so weit ins Alltagsbewusstseins eingesickert ist, dass er nicht mehr als solcher erkennbar ist, ist ein Plakat der „Fahr fair“-Serie der Wiener Linien des Jahres 2018.

    Dieses zeigt eine Herde weißer Schafe, deren Idylle nur ein einziges schwarzes stört, das –wie es der Zufall will –„übelriechenden Döner“ verzehrt. Für gelernte Wiener_innen ist der Subtext dieses Werbesujets klar: ‚Wir‘ sind eine weiße Gesellschaft, in der Schwarze keinen Platz haben und auch diejenigen, die Döner essen, sind unerwünscht und haben sich an ‚unsere‘ Regeln anzupassen, haben auch ‚weiß‘ zu werden. Mensch sollte nun meinen, dass einer Stadtverwaltung das friedliche Zusammenleben der Menschen und gegenseitiger Respekt, auch vor dem Anderen, ein Anliegen ist. Stattdessen wird mit einem Plakat wie diesem einmal mehr signalisiert, wer nicht dazugehört. In einer Stellungnahme schreiben die Wiener Linien: „Für [uns] ist es egal, wer mit uns fährt, unabhängig von Hautfarbe, sexueller Orientierung, Religion und Co. –bei uns sind alle willkommen. Im Gegenzug gelten aber auch für alle dieselben Regeln: Respekt und Rücksichtnahme.“ Respekt, so verstanden, ist also eine Einbahnstraße und gilt nur gegenüber der Mehrheitsgesellschaft.

    Was hat all dies mit der Donaustadt zu tun?

    In der Seestadt, bekannt für ihren hohen FPÖ-Wähler_innenanteil, gibt es eine Facebook-Gruppe „Seestadt allerlei“. Der Moderator dieser Gruppe postet im Sommer das besagte Plakat der Wiener Linien mit einem lapidaren Zusatz: „Meinung?“. Daraufhin entspinnt sich eine lange, auch von Frauen herabwürdigenden, augenzwinkernden Argumenten durchsetzte Debatte über Ess- und Handyverbote in öffentlichen Verkehrsmitteln, Verbotskultur, Kindererziehung etc. Ich frage den Moderator,weshalb er sein Posting, das als „fremden“ feindlich verstanden werden kann, in der besagten Form veröffentlicht hat, und erhalte keine Antwort; stattdessen wüste Beschimpfungen durch andere Gruppenteilnehmer_innen und eine Klagsandrohung durch den Listenmoderator.

    Zuletzt werde ich sang- und klanglos aus der Gruppe entfernt, nachdem ich die Frage aufgeworfen habe, warum wir eine Agnes Primocic-Gasse und einen Hannah Arendt-Platz haben, wenn ein solches Denken schon wieder der zwischenmenschliche Normalzustand geworden ist.

    Eliminieren –das macht man mit unbelehrbaren Frauen, die lästige Fragen stellen und sich nicht im rassistischen und sexistischen Normalzustand / Common sense einfinden wollen. Vorerst nur in der virtuellen Welt…

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