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    Saturday, 25. March 2017 @ 00:55

    „Die Armen von Wien“ von Uwe Mauch

    Der Journalist Uwe Mauch, welcher unter anderem für den „Kurier“ oder den „Augustin“ geschrieben hat, bietet in seinem neuen Buch „Die Armen von Wien“ anhand von 13 Sozialreportagen ein Bild von der Stadt, welches weit entfernt ist von den Wohlfühlstudien und Jubelstatistiken, welche alle Jahre wieder von der Gemeinde veröffentlicht werden.

    Zunächst macht der Autor einen kleinen historischen Diskurs zum Thema Sozialreportagen. Er berichtet von den Studien und Berichten des Wiener Reporters Max Winter, der im 19. und zu Beginn des 20 Jahrhunderts in der „Arbeiterzeitung“ mit zahlreichem Berichten wie „Eine Nacht im Asyl für Obdachlose“ oder „Höhlenbewohner in Wien“ auf die katastrophale soziale Lage der Zeit Aufmerksam machte.

    Ebenso behandelt Mauch kurz die berühmte sozialogische Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ aus dem Jahr 1933, in welcher die Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit auf einen kleinen Ort gezeigt werden. Der Hauptteil des Buches widmet sich jedoch dem Hier und Jetzt. Rund zwei Jahre hat Uwe Mauch für das Buch recherchiert und in diesem Zusammenhang reichlich Feldforschung in den unterschiedlichsten Bereichen betrieben. So widmet er sich in der ersten Reportage der Armenambulanz „Amber-Med“, wo sich Menschen ohne Krankenversicherung gesundheitlich behandeln lassen können. Hier behandelt er auch die schweren psychischen Auswirkungen von Armut und Ausgrenzung.

    Auch wurden Menschen bei der Wiener Schuldnerberatung begleitet und befragt. Die Situation einer Frau wird geschildert, welche durch viel zu leichtfertig gegebene Kredite von Seiten der Banken immer tiefer in die Schuldenfalle gelockt wurde und nun, mit einer Mindestsicherung von 930 Euro, wenig Aussicht darauf hat jemals wieder schuldenfrei zu leben. Mauch begleitet auch Obdachlose, welche das ganze Jahr hindurch zum Beispiel im Gestrüpp auf der Donauinsel leben. Die Lebensgeschichten warum die Menschen hier gelandet sind, sind ausgesprochen vielfältig. Unterschiedlich sind in diesem Zusammenhang auch die Berichte über die Obdachloseneinrichtungen in Wien.

    Dass man Armut in den meisten Fällen nicht offensichtlich sieht wird vor allem auch am Beispiel der Kinder- und Jugendarmut gezeigt. So werden Familien befragt, in welchen oft nicht genug Geld für die Schuljause der Kinder vorhanden ist oder sich ältere Geschwister, aufgrund der notwendigen Mehrarbeit der Eltern quasi rund um die Uhr um ihre kleinen Brüder und Schwestern kümmern müssen. Doch die Bandbreite des Buches ist hiermit noch nicht ausgeschöpft, es werden wirklich sehr viele unterschiedliche Arten von Armut beschrieben und dargestellt: Von Menschen, welche Jahrzehntelang in einem Betrieb gearbeitet haben und von einen auf den anderen Tag gekündigt wurden, von Menschen, welche aufgrund skrupelloser Mietbetrüger nun obdach- und mittellos sind und Menschen, welche nach Österreich flüchteten und nun schon jahrelang auf einen positiven Asylbescheid warten.

    Den Abschluss des Buches bildet en Interview mit Martin Schenk, Psychologe und Sozialforscher, welcher auch bei der Gründung der Armutskonferenz beteiligt war. Im Anhang gibt es noch zahlreiche Zahlen und Fakten bzw. weiterleitende Informationen zum Thema Armut in Wien. Uwe Mauch möchte mit dem Buch „Die Armen von Wien“ auf die Menschen aufmerksam machen, welche in den Hochglanzbroschuren der Gemeinde und in der „Wohlfühlgesellschaft“ oft nicht gesehen oder verdrängt werden: Bettler, Verschuldete, Flüchtlinge, Langzeitarbeitslose, Working Poor,… Er sieht das Buch in der Tradition der anwaltschaftlichen Sozialreportage und möchte mit den Beiträgen, die Lesenden zum Umdenken bringen und vor allem auch bewirken, dass von Armut Betroffene nicht stigmatisiert oder „übersehen“ werden, sondern „auf Augenhöhe und nicht von oben herab wahrgenommen werden“.

    Das Buch bietet einen guten (und teilweise sehr persönlichen) Über- und Einblick auf die vielfältigen und versteckten Formen von Armut in Wien, bietet zahlreiche Fakten zum Thema und regt dazu an die aktuelle soziale und gesellschaftliche Situation in Wien kritisch zu reflektieren.

    Erschienen 2016 im ÖGB – Verlag

    ISBN Nummer: 9783990461587

    19,90 Euro (2 Euro des Verkaufspreises gehen an die Organisation Amber-Med)

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