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    Willkommen bei Kaktus
    Wednesday, 29. March 2017 @ 17:10

    „Neuer Glanz für Wiens Schulen!“

    Brief eines Lehrers - von Karl Gugler

    Das war der Titel eines Artikels im VOR-Magazin vom Juli dieses Jahres. Und weil die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, widmete ich mich sofort seiner Lektüre. Dazu trug auch der viel versprechende Untertitel bei: „Einzigartig! Zeitgemäße und ordentliche Arbeitsplätze für Schüler/innen sind eine wichtige Investition in deren Zukunft.“

    Danach machte sich schnell Ernüchterung breit. Offenbar war berichtenswert, dass in Wien mehrere, ziemlich verrottete Schulgebäude repariert werden. Dass das bitter nötig ist, weiß ich aus der Erfahrung mit selbst neu errichteten Schulgebäuden wie unserem, das von Beginn an erhebliche bau- und vor allem ausstattungstechnische Mängel aufwies. Der Kampf um „zeitgemäße und ordentliche Arbeitsplätze“, der kostet mich den größten Aufwand meines Daseins als Lehrer. Fassaden und Dächer reparieren ist gut. Wie aber sehen die Klassenräume im Inneren des Gebäudes aus?

    Jetzt zu den Fakten!

    Setzt man sich auf einen dieser robusten und widerlichen Sessel eines Schüler/innen/arbeitsplatzes, ahnt man bereits einiges. Luxus ist der Gedanke an eine Gasdruckfeder, die die Wirbelsäule des Kindes schonen würde. Nur noch ein Sessel aus Beton wäre noch robuster, geht mir durch den Kopf. Was erwartet mich, besser: meine Augen, wenn ich den Kopf hebe und nach vorne schaue. Altmodisch, wie ich bin, erwarte ich aus dieser Richtung die großen Fertigkeiten, Weisheiten und Erkenntnisse, die ich mir gerne aneignen würde. Dazu gehe ich ja jahrelang hierher und bringe meine Augen, meine Ohren und meine Hände mit und denke, dass die mir für diesen Zweck dienlich sind.

    Die Erfindung der Tafelkreide: 1653!

    Den Löwenanteil meines Sichtfeldes nimmt eine überdimensionale, dunkelgrüne Tafel ein. Darauf wird mit weißer Kreide geschrieben. Laut Wikipedia geschieht das seit dem Jahre 1653. Kreide in Farbe folgte dann frühestens 1778. Aha! Der/Die Lehrer/in, wenn er/sie was drauf schreibt, ist am weitesten entfernt von mir; auch wendet er/sie mir jetzt den Rücken zu. Ich gebe zu, dass mir das in meinen Schülerjahren die sympathischste Distanz war. Da war die Gefahr am geringsten, beim Unfug-Machen erwischt zu werden. Zum Nahebringen der Weisheiten ist das allerdings schlicht kontraproduktiv.

    Dass ein gutes Bild mehr sagen kann als tausend Worte, hat in die Ausstattung des Klassenzimmers schon Einzug gehalten. Hinter (!) der dominanten Tafel befindet sich eine 1,5 qm große weiße Platte für den Overheadprojektor. Links oben hängt tatsächlich ein TV-Gerät: 70 cm Bilddiagonale, Röhrengerät, Ton in Mono. Was für ein Luxus! Haben Sie auch so ein Gerät zu Hause im Wohnzimmer? Gehen Sie jetzt auf 8 Meter Distanz! Wieviel bekommen Sie noch mit, wenn Sie sich jetzt noch 25 weitere Anwesende im selben Raum dazu denken?

    Und wenn jetzt der/die Fremdsprachenkolleg/e/in den Schüler/innen ein paar Audio-Tracks zu Gehör bringen will, holt er/sie ein Kofferradio aus dem Lehrer/innen/tisch, 38 cm breit, 2 Lautsprecher mit je 5 cm Durchmesser und beschallt damit einen Raum mit 60 qm. Was für ein Klangerlebnis! So ein Gerät haben Sie sicher auch zu Hause – in der Waschküche oder am Klo. In Ihrem Wohnzimmer steht vielleicht ein Audio-System mit 5.1 Surround Sound und Dolby THX. Gratuliere!

    Der zeitgemäße, ordentliche Schüler/innen/arbeitsplatz!

    Jeder Handwerker weiß, dass das Werkzeug, das er verwendet, von ausgezeichneter Qualität sein muss, wenn das Vorhaben oder das Werkstück, das er herstellt, gut werden soll. Die technischen Hilfsmittel unserer Klassenräume sind antiker Schrott – von wegen „zeitgemäßer, ordentlicher Arbeitsplatz“. Und selbst für diesen Mist, der von Zeit zu Zeit kaputt geht, erreichte mich und alle anderen Lehrerkolleg/innen am 16. Juni dieses Jahres eine schriftliche Mitteilung unserer Schulleiterin: „ … können ab sofort keine Rechnungen für diverse Anschaffungen und Reparaturen … bezahlt werden. Wir hoffen, dass wir im August 2014 unser tatsächliches Budget zugewiesen bekommen und damit wieder zahlungsfähig sind.“

    Mit freundlichen Grüßen
    Karl GUGLER
    schulprobleme@kpoe.at

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