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    Friday, 28. April 2017 @ 16:07

    „MEINE Kinder verdienen die beste Bildung.“

    Brief eines Lehrers – von Karl Gugler

    „Was uns bewegt. Die Krone macht’s zum Thema.“ So wirbt die mächtigste Zeitung Österreichs zurzeit. Und man kann sich darauf verlassen, dass die Werbefritzen genau wissen, was das Volk hören will. Genauso könnte man sagen: „Unsere Schi-Asse verdienen das beste Material.“ Die „beste Bildung also für die eigenen Kinder“, die der anderen (welche da wohl gemeint sind?), naja, ist zweitrangig. Zeitungsfritzen müssen eben ihr eigenes Blatt an den Mann / die Frau bringen. Sie schauen deshalb sehr genau dem Volk aufs Maul und erregen damit Sympathie bei ihren Käufer/inne/n.

    Politiker/innen denken da schon eine Spur größer...

    Sie würden vermutlich „Unsere Kinder“ sagen und die österreichischen meinen. Linke nehmen dann auch noch die "Ausländerkinder" hinzu. Der Abfahrtslauf als Mannschaftssport. Wenn Österreich gewinnt, dann ist die Welt in Ordnung. Nur wenn die (österreichische) Wirtschaft wächst, das wissen „wir“ alle, kann’s „uns“ gut gehen. Deshalb brauchen wir gute, trainierte Leute, mit bester Bildung eben, damit wir vorne sind in der Konkurrenz mit Griechenland, Italien, Portugal (sind keine Gegner mehr), Deutschland, Amerika, Indien, China (sind starke Gegner).

    Beste Bildung, in Chemie zum Beispiel

    Welche/r Lehrer/in wollte das nicht? Kinder, die vom Unterricht begeistert sind, die viel mitbekommen, die sich stark fühlen und immer stärker werden. Im Fach Chemie hat man da einen großen methodischen Vorteil, dachte ich. Kinder machen Experimente selber, das war die (nicht ganz neue) Idee. Nicht nur die Augen (mit dem Gehirn dahinter), sondern auch noch die Hände einsetzen, das müsste wohl die Transfereffizienz gewaltig steigern. Und das gelang auch.

    Mehrere Jahre brauchte ich zur Durchsetzung. Die Wochenstundenanzahl von 2 auf 3 erhöhen, Chemikalien und Kleingeräte in größeren Mengen beschaffen, unzählige Flascherl befüllen und etikettieren, Erklärungswege optimieren, Bewegungsabläufe strukturieren. Maximal 2 Schüler/innen pro Experimentierplatz erforderten 15 Stationen – ein gewaltiges Stück Arbeit.

    Da war was los, als es dann endlich losging. Und manchmal konnte nur ein gellender Schrei von mir oder ein Hechtsprung eine Selbstbeschädigung eine/s/r Schüler/s/in in letzter Sekunde verhindern. Es war Stress total, aber auch irgendwie paradiesisch.

    Und dann die Schülerentlastungsverordnung von BM Gehrer

    Längst war die Zeit angebrochen, in der Politiker/innen zwar immer von der besten Bildung sprachen, aber auch auf die Kosten hinwiesen. Nachdem das Senken der Lehrer/innen/gehälter damals noch nicht ausreichend schnell ging, kam BM Gehrer auf die Idee, einfach weniger unterrichten zu lassen. Die Schülerentlastungsverordnung (kein Witz, die hieß wirklich so) lautete auf minus 14 Wochenstunden innerhalb der 8 Stufen der Schulen der 10- bis 18jährigen. Auch mein Fach Chemie wurde wieder von 3 auf 2 Wochenstunden gekürzt. Der Spareffekt bei den Lehrergehältern war erheblich. Die Auswirkungen auf meinen Chemieunterricht waren tödlich.

    Wäre ich beim Experimentalunterricht geblieben, dann hätte ich mit jetzt wieder 2 Wochenstunden nur noch rund die Hälfte jener Unterrichtskapitel durchgebracht, deren Kenntnis meine Chemiekolleg/inn/en in den weiterführenden Schulen voraussetzen. Der Nachteil für meine Schüler/innen wäre erheblich gewesen und gefährlich geworden.

    Die „beste Bildung“ (jedenfalls in Chemie an meiner Schule) war also von Bundesministerin Gehrer höchstselbst ermordet worden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Karl GUGLER
    schulprobleme@kpoe.at

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