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    Friday, 28. April 2017 @ 16:05

    PISA: „Wir“ unter den Schlechten! Na endlich!

    Brief eines Lehrers - von Karl Gugler

    „PISA (….) beleuchtet die Qualität von Schulsystemen und deren Eignung, Schüler/innen auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten. Dazu werden die Kompetenzen der 15/16-Jährigen in drei zentralen Bereichen gemessen: Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft.“ So steht es auf der ersten Seite des BIFIE, des österreichischen Bundesinstituts für Bildungsforschung. Also, in den „Herausforderungen der Zukunft“ haben „wir“ dramatisch Boden verloren – der kapitalistischen Zukunft, würde ich gerne ergänzen... Das würde nämlich auch erklären, warum nur Lesen, Rechnen, Chemie, Physik und Biotechnik für wert befunden werden, getestet zu werden. Da könnte es sich à la longue als fatal herausstellen, wenn „wir“ uns in der Konkurrenz der Nationalstaaten bald zu den Verlierern zählen müssten. Wenn ein Kapitalist in einem Landl wie unserem keine für seine Bereicherungsabsichten taugende, also verwertbare und willige Humanressourcen vorfindet, dann wird er seine Arbeitsplätze eben woanders einrichten lassen.

    So direkt kann man das den „Mitarbeiter/inne/n“ natürlich höchstens in Presse und Standard verklickern. Die „Proleten“ kriegen das ganze Problem dann auch noch etwas anders erklärt – in den für sie bestimmten diversen Kleinformaten. Da hat die Darstellung dann mehr etwas von einem Wettkampf. Ja in der Konkurrenz darf man nicht unterliegen, sonst verliert man seinen Arbeitsplatz. Und wenn man so einen noch hat, dann muss es dort in Zukunft noch schneller gehen, billiger werden, weniger Ruhezeiten geben. Dazu muss man natürlich sinnerfassend lesen und zuhören können, damit die so veranstaltete Gehirnwäsche auch das bewirkt, was gewünscht wird: das Rattenrennen ums tägliche Auskommen verbunden mit Bravheit und Willfährigkeit muss von den Hacklern verinnerlicht werden.

    Und dazu muss man sie einmal in eine Rangreihenfolge bringen, damit die, die sich dabei als Gewinner wähnen, dann ordentlich auf die Verlierer, auf die, die dann ein Klotz am Bein sind, schimpfen können, diese „Taugenichtse“, die man sowieso „nicht durchfüttern sollte“, für die es „viel zu viele Sozialleistungen“ gibt, die auch „für die Schule schon zu dumm“ waren. Nur auf einen Gedanken sollen sie nicht kommen: dass diese Rattenrennveranstaltung eine Frechheit, eine Gemeinheit und menschenunwürdig ist, dass man aufstehen muss und „Halt!“ schreien: „Ich hab' genug vom Kapitalismus!“

    Nein, verordnet wird uns die Verbesserung des Trainings. Da kommen schon die ganz Kleinen dran: das verpflichtende Kindergarten-/Vorschuljahr wird eingeführt. Und die Verpflichtung zu lebenslangem (!) Lernen wird angeordnet. Aber auch die Trainer, die „Lerncoaches“, wie man sie jetzt besser nennt, sind mitschuldig. Da würde ich ja sogar zustimmen. Nach 10 Jahren Beschimpfung und pauschaler Verunglimpfung als Parasiten ist es ja auch kein Wunder, dass viele den Hut drauf hauen und die Zügel schießen lassen. Insofern ist's ja auch ein Vorteil, bei PISA endlich bei den Verlierern angelangt zu sein. Das Trainer-Beschimpfen wird jetzt aufhören. Man wird sie jetzt ernsthaft besser machen wollen. Diese Traumtänzer lallen ja immer noch vom Wahren, Guten und Schönen, meinen, sie wären für die Vermittlung und Förderung von Persönlichkeitsentwicklung, Dichtkunst, Malerei, Musik, politischem Wissen und humanistischem Gedankengut zuständig. Sie denken immer noch in Summe viel zu sehr quer.

    Die Trainer von morgen werden Fertigkeiten zu vermitteln haben, Kompetenzen eben. Sprechfähigkeit ist angesagt, sowohl in Deutsch als auch in Englisch, nicht Goethes Faust oder Eugene Ionescos Nashörner zu verstehen versuchen. Nicht Freude und Ruhe gewinnen beim Hören eines guten Musikstückes oder beim Betrachten eines Kunstwerkes oder beim Philosophieren über den Sinn des Lebens sind die Ziele – ganz im Gegenteil.

    Funktionieren sollt ihr, keine dummen Fragen stellen, gestählt werden fürs Rattenrennen um den Profit, den ihr für die Kapitalisten zu erwirtschaften habt. Längs denken ist angesagt, nicht quer.

    Da wird man noch viele Trainer umerziehen und/oder austauschen müssen. Aber macht euch keine Sorgen um Österreich, das schaffen die schon. Nur – Verlierer, die wird’s auch dann noch geben, wenn „wir“ es wieder geschafft haben, in die PISA-Spitze hineinzufahren. Garantiert!

    Mit freundlichen Grüßen
    Karl GUGLER
    schulprobleme@kpoe.at

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